Die sinnvoll gestaltete Küche - Ansichten eines Kochprofis

4. May, 2010

Seit Ur-Zeiten versammeln sich Sippen um ihre Feuerstelle. Herd und Küche sind wohl die angenehmsten Erfindungen, die je gemacht wurden. Leib und Seele können sich erwärmen. Die Küche war nie der Ort von Förmlichkeiten, sondern von familiärer Vertrautheit.

Nicht ohne Grund ist sie bis heute auch der Platz, an dem eine gute Party endet. Dort ist die Pinnwand; dort steht der Kühlschrank; hier findet man die trostreiche Tafel Schokolade. Wahrscheinlich ist es wahr, dass die eigentliche Funktion der Küche darin besteht, gut zu kochen. Fragt sich nur, warum so viele Küchen so unpraktisch eingerichtet sind oder warum nicht wenige Leute unsinnige Summen ausgeben, um küchentechnische Utensilien anzuschaffen, die nichts anderes zu tun haben, als schick zu sein. Es besteht augenscheinlich die Illusion, man könnte Wohlgefühl kaufen. Doch man müsste vernünftig nachdenken, ein paar nützliche Dinge einrichten und eben gut kochen.

Gute Planung

Es ist wohl so, dass manches Mal dem Bauherrn oder dem Planer der Blick für das Wesentliche fehlt. Auch ist eine ganze Industrie damit beschäftigt, ihre Möbel und Geräte mit sogenannten Alleinstellungsmerkmalen auszustatten, die als unentbehrlich erscheinen sollen. Man denke an Backöfen, deren Steuerung bereits für Captain Kirk eine Herausforderung gewesen wäre; an Bedienungshandbücher, die oftmals mehr eine Belästigung als eine Hilfe sind; an Leuchtdioden und Summer, deren Blinken und Tuten die ganze Lächerlichkeit dieser Aufrüstung preisgibt.

Dazu passt der wolkige Slogan von der ‚mediterranen Küche‘. Es versteht ja inzwischen jeder, dass man mit ‘mediterran“ eigentlich ‘italienisch“ sagen möchte, weil man dabei nicht unbedingt den Libanon oder Libyen im Sinn hat.

Vor einem knappen Jahrhundert, als Architekten und Gestalter sich viele Gedanken um zeitgemäßen Wohnungsbau machten, als Siedlungen geplant und die Ideale der Bauhaus-Architektur formuliert wurden, entstand die sogenannte “Frankfurter Küche‘. Ihr wesentliches Merkmal war die Anordnung aller Möbel und Geräte um einen Mittelgang. Zum Kochen sollten möglichst kurze Wege zurückgelegt werden, oder unnötige Wege sollte man ganz vermeiden. Mit bester Absicht hat man unter Federführung der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky für ganze Siedlungen ein Küchenkonzept entworfen, das sich an den engen Platzverhältnissen des damals neuartigen Geschoss-Wohnungsbaus orientierte. Nicht nur aufgrund des Platzmangels, sondern weil auch Standardisierung und Industrialisierung en vogue waren, hat man Einbaumöbel entworfen, die man mitsamt den Geräten geliefert hat und deren Kosten man einfach auf die Miete umlegen konnte.

Es mutet seltsam an, dass die Einbauküche nach wie vor seltsame Blüten treibt. Es macht eigentlich keinen Sinn. Mancher mag sich mit Schaudern daran erinnern, dass die Küche der Eltern oder Großeltern einen sterilen, monofunktionalen Raum darstellte. Aus dieser Zeit blieb das Bonmot: “Schatz, ich kann nicht mit ansehen, wie viel Du arbeiten musst. Bitte mach die Tür zu‘. Immerhin war es der Hausfrau erlaubt, ab und an die Türchen der “Durchreiche“ zu öffnen. Mich erinnert das eher an Alcatraz denn an ein erstrebenswertes Familienleben.

Zwischenzeitlich haben jüngere Architekten die Küche wieder geöffnet, sie größer gemacht und mit dem Ess- und Wohnzimmer verbunden. Eine Küche, die ich mir wünsche, hat jedenfalls zwei Tische. Einen Küchentisch, an dem alle Mitglieder der Familie sitzen und essen können, und einen Tisch zum Arbeiten. Ich mag es, wenn jemand am Küchentisch sitzt und mir beim Kochen zuschaut oder sich mit mir unterhält. Oder ich mag es, am Küchentisch mit anderen Karten zu spielen und dort auch meinen Dämmerschoppen zu genießen. Familien und Beziehungen leben von der Kommunikation. Am Küchentisch hat ein Kinderstuhl Platz, und ich bespreche dort gerne Dinge, die mir wichtig sind.

Wenn ich mir heute in der Abteilung “Esszimmer eines Möbelhauses die einzelnen Teile anschauen, Tische, Stühle, Buffets und Regale, so entdecke ich oftmals recht altbackene Gegenstände. Manche sind so bearbeitet, als seien Holzwürmer bei der Verzierung der Stücke behilflich gewesen. Ein pseudo-barocker Landhausstil mit künstlicher Patina prägt das Erscheinungsbild, ohne Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Sachen zu nehmen. Manche Tische haben Verstrebungen zwischen ihren Beinen, die nur der Zierde dienen. Früher waren diese Streben wichtig für die Stabilität der Möbel, oder man konnte es durch sie vermeiden, seine Füße auf den kalten Fliesenboden einer Landhausküche stellen zu müssen. Heute kaufen Menschen solche Möbel, weil sie die Sehnsucht nach der ‘guten, alten Zeit“ befriedigen möchten, oder weil solche Möbel eine etwas platte Gefühligkeit ansprechen und nachgeahmt repräsentativ anmuten. Man legt sich Terracotta-Fliesen in die Küche, obwohl es viel bessere, pflegeleichtere und günstigere Materialien gibt. Man hängt sich Knoblauchzöpfe an die Wand, die man nie benutzt. Kupferkasserollen und blecherne Backformen von Oma oder vom Flohmarkt gaukeln eine Tradition vor, die nicht gelebt wird. Deplatziert und einsam baumeln diese Dinge an den Wänden.

Das Gegenbild zum pseudo-barocken Landhausstil mit künstlicher Patina ist der minimalistische Herdblock mit klinisch reiner Anmutung, ganz so, als sei die Kochkunst eine höhere Wissenschaft oder die Küche ein Labor. Während das Erstere die Domäne des Kleinbürgers bildet, ist Letzteres das Steckenpferd des Parvenüs, der über reichere Mittel gebietet. Er hat mehr Platz und gestaltet seine Küche zum offenen Wohnraum. Der ehrgeizige Hausherr möchte seinen Gästen etwas vorbruzzeln, denn auch bei ihm ist aufgewärmte Gefühligkeit Trumpf. Doch ist es ein Planungsfehler, den Herdblock in die Mitte des Raumes zu stellen. Denn eine richtige Planung folgt der Logik der Abläufe: Sinnvoller und bequemer ist es, dem Arbeitstisch den besten Platz einzuräumen. Denn der zeitliche Aufwand, den man für das Schneiden, Putzen, Rühren oder Anrichten benötigt, ist in der Regel viel höher als jener, den man für die erwärmende, thermische Zubereitung der Gerichte aufbringen muss. Zudem: Sobald am Herd gearbeitet wird, sollte die ungeteilte Konzentration bei dieser Tätigkeit sein. Lachen, scherzen und reden lässt es sich leichter während der Vorbereitung als in der sprichwörtlich „heißen Phase“ des Kochens. Zumindest sollte, wenn es räumlich möglich ist, ein kleiner, bescheidener Herdblock mit einem größeren Arbeitstisch unmittelbar verbunden werden. So könnte man Beides erreichen.

Euer

Christian Mittermeier

Kuechen-Leben.de

Die Küche ist nicht länger nur ein Raum zur Zweckerfüllung, sondern wird immer mehr zum Mittelpunkt der darin wohnenden.

Eine Küche hat man nicht einfach, man lebt in ihr.